Nicht da wo du sein solltest

Das Leben ist nicht perfekt. Es ist nicht immer so wie wir es uns vorstellen oder wie wir es uns wünschen. Manchmal ist es nicht fair. Manchmal ist es traurig. Manchmal ist es grausam. Und manchmal gibt es keine Antwort auf die Frage Warum.

Ich werde oft gefragt wie es uns jetzt geht, ohne Lotta. Man sollte doch meinen, dass wir uns nach sieben Monaten daran gewöhnt haben. Es wäre schön, wenn das so einfach wäre…

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Glücklich sein dürfen

Vor ungefähr einem Jahr machten wir Familienurlaub in Holland. Lotta war nach zweiwöchigem Krankenhausaufenthalt gerade wieder entlassen worden. Sie wollte nicht mehr essen und hatte sehr viel abgenommen. Aber jetzt ging es ihr endlich besser. An unserem zweiten oder dritten Urlaubstag ging ich morgens sehr früh mit ihr am Strand spazieren. Am Abend vorher hatte ich  erfahren, dass es meiner Oma sehr schlecht geht. Ich war nicht sicher, ob ich sie noch einmal sehen darf und hatte gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, dass ich vor dem Urlaub nicht nochmal bei ihr war. 

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Happy birthday Lottakind!

Heute wäre Lotta zwei Jahre alt geworden. Ich hätte schon vor zwei Wochen Pinterest nach Ideen durchsucht, was man so alles machen kann. Ich hätte ein neues Poster „Was ich schon alles kann“ für Lotta gestaltet, Deko gebastelt und Kuchen gebacken.

Sicherlich hätten wir für heute Termine an unserem Familien-Kaffeeklatsch-Fenster vergeben oder unsere ganze Familie zum virtuellen Geburtstags-Kaffeetrinken eingeladen. Wir hätten Lotta gefeiert. Wir hätten das Leben gefeiert.

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Das allein ist Grund genug

Es ist 7:00 Uhr. Tag zehn im Home Office, Tag zehn an dem Schulen und Kindergärten geschlossen haben.

Von jetzt auf gleich hat sich unser Arbeiten und unser Familienleben geändert. Juli ist Erzieher in einer Kindertagesstätte, in der natürlich weiterhin Kinder von Schlüsselpersonen betreut werden.

Während ich entspannt am Schreibtisch sitze, mein Headset auf den Ohren habe und fast ganz normal meine Arbeit mache, gibt es so viele Menschen da draußen, die gerade große Existenzängste durchstehen müssen. Gastronomen, Einzelhändler, Zulieferer usw. In meiner Familie gibt es Selbstständige, einen Koch, Angestellte in Schulen, Kindergärten, Altenheimen und Krankenhäusern usw. Einige von ihnen können nicht mehr arbeiten oder sind bereits in Kurzarbeit. Andere erzählen mir von den Zuständen in den Einrichtungen oder dass im Krankenhaus mittlerweile eine dritte Intensivstation eröffnet wurde, wobei unklar ist woher das Personal kommen soll. Keiner weiß wohin die Reise geht.

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Verlieren und Gewinnen

Einen geliebten Menschen zu verlieren, bedeutet einen Teil von sich selbst zu verlieren. Auch wenn du weißt, dass es passieren wird, ist es etwas ganz anderes, wenn es tatsächlich so weit ist. Aussagen wie „Ihr wusstet doch das es passiert.“ oder „Ihr geht es jetzt besser.“ sind vollkommen richtig, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass der geliebte Mensch tot ist und man ihn nicht mehr in die Arme schließen kann. 

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Typisch Lotta – immer anders als geplant

Samstag. Wir sitzen im Pfarrhaus. In diesem Raum haben wir vor etwas mehr als einem Jahr wegen Lottas Taufe gesessen. Der Diakon kennt uns von verschiedenen Ereignissen. Jedes Mal hatten wir etwas Besonderes geplant und wir alle müssen ein bisschen schmunzeln, dass wir auch dieses Mal zwei Sonderwünsche haben. Zum Einen sollen die Herzenswünsche der Kinder und Eltern aus dem Kindergarten für die Fürbitten genutzt werden. Zum Anderen wird eine Sängerin zwei Lieder singen. Eines davon „Mein Ziel“ hatte ich damals für Lottas Taufe rausgesucht, aber es kam nicht zum Einsatz. Das andere „Dir gehört mein Herz“ habe ich Lotta jeden Tag auf der Intensivstation vorgesungen. Den Ohrwurm hatte ich von Juli und so wurde es unser Lied.

Das Gespräch ist sehr vertraut und wir freuen uns, dass er es ist, der durch den Gottesdienst führen wird. Er sagt uns, es sei auch für ihn eine besondere Situation. Er spüre Hoffnung bei uns und er freue sich darauf diese auch bei Lottas Trauerfeier zu spüren.

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Lotta hat sich für den Himmel entschieden

Montag, 3. Februar 2020. Noch auf dem Weg vom Krankenhaus nach Hause, schreibe ich eine SMS an einen Freund, der im Beerdigungsinstitut arbeitet. „Hallo Oskar*, Lotti ist heute Nachmittag gestorben. Wir sind gerade auf dem Weg nach Hause. Kannst du uns sagen, was wir jetzt genau machen müssen?“ Seinen Anruf verpasse ich. Er schreibt, dass er sich um alles kümmere und wir jederzeit telefonieren können. Henri ist bei meinen Eltern. Dort holen wir ihn ab. Sobald wir in der Tür stehen, wissen alle Bescheid. Henri fragt nach Lotta. Wir erklären ihm, dass sie sich für den Himmel entschieden hat und nun bei Uroma ist. „Ok“, sagt er und zeigt uns stolz seine gebauten Lego-Fahrzeuge. Die Freude darüber, dass ich wieder da bin ist erstmal größer als alles andere. 

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647 Tage

Es gibt viel, was in den letzten Wochen passiert ist, worüber ich schreiben möchte. Aber bevor ich das tue, möchte ich mich für die unglaublich große Anteilnahme, die lieben Worte, Gedanken, Umarmungen und Unterstützung in jeglicher Form bedanken. Wir sind ganz überwältigt. Viele Menschen haben auch Lottas Trauerfeier besucht. Es war ein aufregender, trauriger, aber trotzdem schöner Tag für uns. Wir haben die Kirche sehr schnell verlassen, sodass wir nur vereinzelt Leute wahrnehmen konnten. Umso mehr freuen wir uns jetzt im Nachhinein immer wieder zu hören „Ich war da!“. Lotta wurde sehr geliebt und das macht uns glücklich und stolz.

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Die letzten Wochen – Teil 5

Ein letztes Mal kuscheln

Montagmorgen wird der Tubus einen halben Zentimeter rausgezogen. Das MRT ist für neun Uhr geplant. Ein Pfleger und ich versorgen Lotta. Waschen, Windel wechseln, Medikamente sondieren. Lotta wird in Handtücher eingewickelt, damit sie sich im MRT nicht bewegen kann… falls sie sich bewegt. Der Oberarzt kommt und verkündet, dass die Isolation aufgehoben ist und wir uns ab sofort frei bewegen können. Er bringt eine Beatmungsmaschine mit, die mit zum MRT geschoben werden kann. Lotta wird daran angeschlossen. Weitere Vorbereitungen werden getroffen, dann begleiten der Pfleger, eine weitere Schwester und der Oberarzt Lotti zum MRT. Juli und ich gehen in der Zeit Kaffee trinken. Gegen zehn Uhr ist Lotta zurück. Der Oberarzt informiert uns, dass wir vermutlich am frühen Nachmittag einen Befund haben. 

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Die letzten Wochen – Teil 4

Montag – Mittlerweile sind wir seit zwei Wochen im Krankenhaus. Lottas Leberwerte sind erhöht uns sie sieht aus wie ein kleiner gelber Minion. Die kreislaufstabilisierenden Medikamente werden reduziert. Das Röntgenbild der Lunge zeigt immer noch Schatten. Die Antibiotika wurden von sechs verschiedenen auf drei verschiedene reduziert. Es war keine ZVK-Sepsis. Woher die erhöhten Entzündungswerte kommen, ist weiter unklar. Die Beatmung ist stabil. Die Medikamente zur Sedierung werden zur Nacht halbiert und morgen früh komplett ausgeschaltet. Lotta soll wacher werden, um zu sehen, ob sie selbstständig atmet. 

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