Das allein ist Grund genug

Es ist 7:00 Uhr. Tag zehn im Home Office, Tag zehn an dem Schulen und Kindergärten geschlossen haben.

Von jetzt auf gleich hat sich unser Arbeiten und unser Familienleben geändert. Juli ist Erzieher in einer Kindertagesstätte, in der natürlich weiterhin Kinder von Schlüsselpersonen betreut werden.

Während ich entspannt am Schreibtisch sitze, mein Headset auf den Ohren habe und fast ganz normal meine Arbeit mache, gibt es so viele Menschen da draußen, die gerade große Existenzängste durchstehen müssen. Gastronomen, Einzelhändler, Zulieferer usw. In meiner Familie gibt es Selbstständige, einen Koch, Angestellte in Schulen, Kindergärten, Altenheimen und Krankenhäusern usw. Einige von ihnen können nicht mehr arbeiten oder sind bereits in Kurzarbeit. Andere erzählen mir von den Zuständen in den Einrichtungen oder dass im Krankenhaus mittlerweile eine dritte Intensivstation eröffnet wurde, wobei unklar ist woher das Personal kommen soll. Keiner weiß wohin die Reise geht.

Ich werde dabei ganz demütig und dankbar dafür, dass ich einen tollen Arbeitgeber und einen Job habe, bei dem ich morgens einfach meinen Laptop zuhause aufklappen kann. Natürlich läuft es nicht wie im Büro. Zwischendurch wische ich die Milch vom Boden, weil Henri sein Müsli unbedingt selber machen möchte. Dann fällt plötzlich das WLAN aus, um kurz darauf wieder zu funktionieren. Meine Daten bleiben allerdings verschwunden. Als nächstes höre ich einen Schrei aus dem Kinderzimmer, lasse alles fallen und denke gleich muss ich die 112 wählen, dabei ist Henri nur sein gebautes Lego-Fahrzeug runtergefallen. Alles Probleme die sich leicht und schnell lösen lassen. Bei uns läuft es also ganz gut, anders als sonst, aber gut.

Ich muss zugeben, dass es anfangs nicht ganz leicht für mich war plötzlich so viel zuhause zu sein. Ständig musste ich daran denken, wieviel Zeit ich jetzt mit Lotta hätte verbringen können. Unabhängig davon wie viel Angst ich jetzt wohl um sie gehabt hätte. Nach Lottas Tod sind Juli und ich relativ schnell wieder arbeiten gegangen. Es war eine Ablenkung und auch ein bisschen Verdrängung von dem was passiert ist.

Ich konzentriere mich gerne auf das Positive. Erst recht in der aktuellen Zeit. Wenn ich meinen Laptop zuklappe und Feierabend habe, genieße ich die Zeit mit meiner kleinen Familie. Wir spielen, basteln, lachen und freuen uns darüber, dass wir einander haben. Auch Omas, Opas, Tanten und Onkels, Cousins und Cousinen – unsere Familie ist groß – Freunde und Freundinnen sind dabei. Ob telefonisch, per WhatsApp oder Video-Telefonie. Wir haben sogar einmal schon ein virtuelles Kaffeetrinken veranstaltet, was etwas chaotisch, aber auch sehr lustig war. Es geht alles.

Unsere Familie musste in diesem Jahr etwas erleben, was ich niemandem wünsche. Vor einigen Wochen noch hätte ich Lotta gerade, um 7 Uhr, ihre Medikamente gegeben. Das geht nun nicht mehr. Lotta ist tot. Gestorben nicht an Corona, sondern an der „normalen“ Grippe. Sie wurde ein Jahr und neun Monate alt. Lotta war vorerkrankt. Sie hatte einen Gendefekt, der mit einer Immunschwäche einhergeht, sowie andere medizinische Probleme und wir wussten, dass ihre Lebenserwartung verkürzt ist. Es gibt viele kleine und große Lottas da draußen, weiblich oder männlich, jung oder alt, mit unterschiedlichen gesundheitlichen Risiken, für die eine Infektion mit Corona lebensgefährlich sein kann. Manche wissen vielleicht gar nichts von ihren Risiken. Sie und ihre Familien brauchen unsere Unterstützung.

Das allein ist für mich Grund genug zuhause zu bleiben und das Beste aus der Zeit zu machen.

Eine Antwort auf „Das allein ist Grund genug“

  1. Liebe Steffi,
    auch ich sitze zu Hause und manchmal fällt mir die Decke auf den Kopf. Aber wenn ich an die Menschen denke, die Angst um ihre Gesundheit haben, die Angst um ihre Existenz haben oder Angst um einen lieben Menschen haben, dann empfinde ich wie du. Voller Demut und Dankbarkeit wünsche ich allen Zuversicht und Hoffnung. Achtet auf euch und die anderen, bleibt gesund.

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