Die letzten Wochen – Teil 2

Die Zeit auf der Intensivstation

Juli ist ab dann jeden Tag bis Abends da. Henri wird von Omas, Opas, Tanten und Onkels verwöhnt. Er kennt das. Ab und zu sind Lotta und ich im Krankenhaus und für ein paar Tage nicht da. Für ihn ist es ein bisschen wie Ferien. Und trotzdem bin ich sehr stolz wie er das macht.

Sobald ich die Augen schließe, sehe ich wie Lotta reanimiert wird. Lottas Lunge wird mindestens einmal täglich geröntgt. In der Nacht von Samstag auf Sonntag bricht ihr Kreislauf von jetzt auf gleich erneut zusammen und die Lunge verkrampft sich. Es geht keine Luft mehr rein. Wieder stehen zwei Ärzte und zwei Schwestern im Raum. Der Chefarzt wird gerufen. Lotta wird mit verschiedenen Medikamenten reanimiert. Weitere Schwestern stehen vor der Tür, um Dinge die benötigt werden, schnell zu holen.

Ich stehe in einer Ecke, tatsächlich wieder am Waschbecken, und sehe zu. Lotta hat es nochmal geschafft, oder das Intensiv-Team hat es wieder geschafft. Ich setze mich in eine andere Ecke. Eine Schwester bringt mir eine Tasse Pfefferminztee. Die Oberärztin und der Chefarzt versuchen Lotta einen Katheter in die Arterie zu legen. Im linken Arm, im rechten Arm, in der Leiste. Es dauert viele Stunden, dann ist es endlich geschafft und der Katheter wird in der Leiste festgenäht. Nun kann man den Blutdruck momentgenau auf dem Monitor ablesen und die Blutabnahme ist über dieses System, ohne Lotta zu stechen, möglich. Aufgrund der vielen Blutabnahmen die nötig sind, eine große Erleichterung für die Ärzte, aber vor allem auch für Lotta. Die Lunge sieht nach der erneuten Reanimation noch schlechter aus und die Infektparameter steigen. 

Von Sonntag auf Montag schläft auch Juli bei uns im Krankenhaus. Ich bin sehr froh darüber nicht alleine zu sein. Am Montag wird Lottas Beatmung auf eine Hochfrequenz-Beatmung umgestellt, da die Lunge verklebt ist und der CO2-Gehalt zu hoch ist. Die Beatmung ist sehr aggressiv, mit hohem Druck. Wir hoffen, dass die Lunge dadurch wieder aufgeht, aber es ist auch nicht ungefährlich. Die Beatmungsmaschine ist sehr laut und rüttelt vor sich hin. Lotta bekommt kreislaufstabilisierende Medikamente und Blutkonserven, weil ihr Blutdruck zu niedrig ist. Der Oberarzt sagt, dass es immer noch kritisch ist und er uns alles andere als Entwarnung geben kann. Er findet schöne Worte und sagt, dass Lotta sehr krank ist. Wir müssen uns Gedanken machen was wir grundsätzlich für sie wollen. Juli und ich sind uns einig, dass Lotta nicht leiden soll. Es ist Zeit für Kerzen.

Es ist Dienstag. Die letzte Nacht war die erste Nacht ohne Zwischenfälle. Ich finde morgens früh einen Brief an Lottas Fußende, den uns die Nachtschwester aus Lottas Sicht geschrieben und gestaltet hat. Wir sind beide sehr gerührt. Die Beatmungsmaschine macht das, was sie soll. Das Röntgenbild zeigt, dass die Lunge ein wenig aufgegangen ist. Der Sauerstoffbedarf sinkt. Die Entzündungswerte sind nicht weiter gestiegen. Der Oberarzt geht davon aus, dass der Peak erreicht ist.

Ich bekomme eine Nachricht von der Normalstation. Zwei liebe Schwestern haben einen Luftballon für Lotta besorgt. Aus hygienischen Gründen können wir ihn nicht auf die Intensivstation holen. Der Ballon wird auf Lotta warten. Die beiden schicken ein Foto. Ich erzähle Lotta von der Party, die auf sie wartet, wenn wir wieder unten auf der Station sind.

Lotta hat sehr viel Wasser eingelagert. Ihre Augen, Lippen und Zunge sind geschwollen. Die Ohren sitzen tief im Kopf, die Hände und Füße sind ganz prall und die Haut auf ihrem Bauch spannt. Was man von außen nicht sieht ist, dass auch Wasser im Bauchraum, in der Lunge und im Herzbeutel ist. Ihr Darm arbeitet nicht und die Lunge hat keinen Platz. Sie wird mehrmals am Tag angespült, um den Darm zu entleeren. Neben dem Ziel den Sauerstoffbedarf auf 50 % zu reduzieren, ist das Wichtigste, das Wasser aus Lottas Körper zu bekommen, ohne dass die Elektrolyte durcheinander geraten. Der Chefarzt besucht uns und bietet uns auch nochmal ein Gespräch an. Wir nutzen den Moment und verabreden uns für Freitag.

Es ist ein auf und ab. Der Druck der Beatmung wird reduziert, damit das Herz leichter pumpen kann. Vielleicht zu früh. Die Lunge fällt zusammen. Der Druck wird wieder erhöht. Ein Opiat wird ausgeschaltet. Lottas Darm arbeitet nicht, was eine Nebenwirkung dieses Medikaments sein kann. Ein weiteres Medikament zum Entwässern wird aus einer naheliegenden Uniklinik besorgt. Langsam verliert sie Flüssigkeit. Die Entzündungswerte steigen. Möglicherweise liegt es am ZVK oder am Blasenkatheter. Sie hat Blut im Urin. Beide werden gezogen. Ein Arzt schafft es im ersten Versuch den neuen ZVK neben den Arterienkatheter auf die rechte Seite der Leiste zu legen. Ich bin sehr erleichtert, denn eine andere mögliche Stelle ist unterhalb des Schlüsselbeins. Dort ist allerdings das Risiko größer, dass man die Lunge verletzt und da Lotta immer noch sehr aufgequollen ist, wäre es sicher schwierig geworden.

Juli schläft nun immer häufiger mit im Krankenhaus. Es ist schön. Trotz allem können wir Quatsch machen und lachen. Wir freuen uns darauf das Mittagessen zu teilen oder auf den Kaffee am Morgen. Alle Ärzte, Schwestern und Pfleger sind sehr liebevoll. Wir bekommen zusätzlich ein Zimmer auf der Nachbarstation. Dort haben wir unser eigenes Badezimmer, können unsere Sachen liegen lassen und schlafen. In Ruhe duschen oder Zähne putzen zu können, ist toll. Aber wir schlafen weiter bei unserem Lottakind und lassen sie nicht alleine.

Die letzten Wochen – Teil 3

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